We don’t need no hesitation: Ein Blick auf #fridaysforfuture

30.03.2019

Der Kampf um Klimagerechtigkeit muss das 21. Jahrhundert bestimmen

Von Marcel Roth, Landessprecher Grüne Jugend Baden-Württemberg

Man traut sich fast nicht, diesen Satz zu schreiben. Aber es stimmt: Fridays for future sind die größte, dezentrale Bewegung, die es in der Menschheitsgeschichte jemals gab. Noch nie waren so viele Menschen an so vielen unterschiedlichen Orten auf allen Kontinenten der Erde auf der Straße: über 1,5 Millionen Menschen am 15. März 2019. Möglich durch das Internet. Damit zeigt FFF einmal mehr das Potenzial, das in unserer Zeit der globalen Hyperkommunikation liegt, das durch das Internet und Social Media aufgekommen ist. Während Facebook und Twitter zugehäuft werden von Hasskommentaren gegen die zumeist weiblichen Klimaaktivistinnen, kommuniziert die junge Klimabewegung über WhatsApp und Instagram – im geschützten Raum, meist abseits der rechten Trolls.

Nichts geht ohne uns

Fridays for future leitet damit im besten Fall eine Zeitenwende ein. Während sich die internationale Staatengemeinschaft nach Jahrzehnten der Verhandlungen im Jahr 2015 endlich auf das Pariser Klimaabkommen geeinigt hat, tragen Konservative, pseudoliberale und sozialdemokratische Kräfte in Europa zwar gerne die Ziele vor sich her. Sie scheuen sich aber, einschneidende politische Veränderungen einzuleiten, die wir dringend brauchen. Das Pariser Klimaabkommen ist nichts wert ohne eine Zivilgesellschaft, die mit aller Kraft den Klimawandel aufhalten möchte. Diese Zivilgesellschaft regt sich endlich: Es sind nicht nur Hunderttausende FFF-Aktivist*innen, es sind genauso tausende ENDE GELÄNDE Held*innen, die seit 2014 Kohlekraftwerke blockieren und damit die Grenzen des Legalen, aber nicht des Legitimen überschreiten. Sie werden in die Geschichte eingehen.

What do we want? Climate Justice!

Das 21. Jahrhundert wird und es muss im Zeichen der globalen Klimagerechtigkeit stehen. Klimagerechtigkeit – das bedeutet eine Abkehr vom unendlichen Ressourcenverbrauch reicher Staaten hin zur Umverteilung vom Recht, die Erde zu verschmutzen. Wir sind radikal demokratisch. Wir wollen, dass jeder Mensch auf der Erde das gleiche Recht auf ein gutes Leben hat. Um das zu erreichen, ist es unumgänglich, dass wir in einer der wirtschaftsstärksten Regionen der Welt weniger Ressourcen verbrauchen und Menschen in ärmeren Ländern dafür zugestehen, mehr verbrauchen zu dürfen. Technische Innovationen werden auf diesem Weg helfen. Wer aber glaubt, dass unsere „soziale“ Marktwirtschaft, die im großen Stil auf Wachstum und Profitmaximierung angelegt ist, nur ein Öko-Update braucht, irrt gewaltig. Genau das meint auch Greta Thunberg, die mit ihren 16 Jahren zum Gesicht der weltweiten Schüler*innenstreiks geworden ist: „Ihr sprecht nur von einem grünen, unendlichen Wachstum, weil ihr Angst habt, euch unbeliebt zu machen. Ihr wollt mit den gleichen schlechten Ideen weitermachen, die uns überhaupt erst in diese Krise geführt haben.“

Immerhin – wenn Fridays for future es schafft, wenigstens einen früheren Kohleausstieg, riesige Investitionen in den Öffentlichen Verkehr oder ein Ende der Massentierhaltung einzuleiten, sind wir schon einen riesen Schritt weiter. Wir sollten aber ein ganz großes Fragezeichen hinter das grüne Ansinnen setzen, den Kapitalismus mit der Ökologie zu versöhnen. So, wie Greta es sagt.

 


Proteste in Stuttgart am 15. März

Werden wir kurz unangenehm… zu uns selbst.

Von Patrick Vexler, Grüne Jugend Stuttgart und FFF-Mitorganisator

Marcel hat schon viel Motivierendes und Wichtiges oben geschrieben. Ich bin unter Anderem auch in Teilen an der Organisation der Streiks beteiligt (und habe deswegen auch einen anderen Blick) und will hier etwas Kritisches loswerden. Alles, was ich hier schreibe, ist meine persönliche Meinung. Ich vertrete hier kein Fridays For Future-Orgateam.

Nehmen wir mal an, es wird sich nichts, oder sehr wenig ändern und wir werden lange streiken müssen, dann wäre es für mich wichtig, dass wir unbedingt zwei Dinge im Fokus behalten.

  1. Wir sollten auf keinen Fall so wie die Stuttgart 21 – Proteste werden. Es gibt viele Parallelen zwischen den S 21-Protesten und Fridays For Future.

Wer die aktuellen S21-Proteste nicht wirklich kennt: Hier stehen gerade jeden Montag Leute auf der Straße und halten ihre Mahnwache ab. Das Ding dabei ist, es wird so gut wie gar nicht mehr darüber berichtet und es kommen leider wenig Leute. Das Thema und der Protest ist wirklich wichtig und bewundernswert, aber durch die wöchentliche Aktionsform kommen irgendwann nicht mehr so viele, wie es dem Thema gerecht wäre. Wie wir alle wissen, waren die S21-Proteste mal richtig groß! Sie hatten auch noch einen großen Erfolg – den Volksentscheid. Aber danach, sind auch durch die wöchentliche Aktionsform immer mehr Leute gewichen. Und es bleibt ein ausdauernder Kern, der die Faust zwar weiter hochhält, aber ihnen wird kaum mehr Beachtung geschenkt. Gut möglich, dass das bei Fridays For Future ähnlich passiert. Irgendwann weichen auch bei uns die Leute und wir werden an Schlagkraft verlieren. Die Proteste leben von Berichterstattung – und irgendwann wird für die Medien das Thema ausgelutscht sein. Hin und wieder berichtet die Lokalzeitung, aber viel bringen wird das nicht. Das lässt sich hoffentlich verhindern und da hätte ich eine Idee: Die Proteste könnten z.B. auf zwei Mal im Monat begrenzt werden, dann hätten wir vielleicht mehr Demonstrierende am Start.

2. Für mich ist es wichtig, dass wir thematisch beim Klima und der Umwelt bleiben!

Klar, das Thema hat so unfassbar viele Unterkategorien und ist so verzweigt, aber wir dürfen uns nicht dazu verleiten lassen, andere politische Belange über Fridays For Future zu transportieren. Ich habe in den Stuttgarter WhatsApp-Gruppen viel Queerfeministisches und auch das Ein oder Andere zu den Artikel 13 Protesten gelesen und bin als Admin eingeschritten: ich finde diese Themenbereiche auch wichtig. Mit Urheberrecht kenn ich mich aus und setze mich daher auch mit der Urheberrechtsreform auseinander und bin – wie die meisten Grünen – dagegen und sage es auch gerne laut. Aber nicht in Fridays For Future Gruppen.

Je mehr Themen wir aufnehmen, desto mehr Leute werden uns abspringen.

Man könnte tatsächlich viel kritisieren, aber niemand hat es bisher so gemacht wie wir. Wir haben gerade viele Leute, wir haben in unfassbar kurzer Zeit unfassbar großartige Orga-Arbeit geleistet, wir haben gute Pressearbeit gemacht, wir haben uns schnell und gut um Social Media gekümmert, wir sind weltweit gut vernetzt. Sorgen wir dafür, dass es so bleibt!

(Die Version vom 30. März (19.20 Uhr) wurde am 4. April (16.20 Uhr) überarbeitet und aktualisiert. Der Text gibt die Position des Autors wieder und steht nicht für den ganzen Verband.)